Wie schon in einem der vorherigen Beiträge erwähnt, sind wir hier zusammen mit den anderen Ausländern auf dem Flur. Aus mir nicht erkennbaren Gründen, besitzen wir als einzige der 9 bewohnten Etagen Aufpasser in persona unserer reizenden Babulas. In keiner anderen Etage gibt es sie. An sich stören sie mich nicht, aber ihre Anwesenheit impliziert, dass Ausländer offenbar besondere Aufmerksamkeit benötigen und jemanden, der uns sagt, wie man Dinge zu machen hat und wie nicht. Hinzu kommt, dass Babulas stets dazu neigen, immer und überall alles zu beanstanden und anschließend Meldung beim Kommendant zu machen.
Was auch oft nicht verborgen bleibt, ist die zum Teil offen geäußerte Haltung gegenüber den Ausländern – in unterschiedlicher Form, worauf ich nicht weiter eingehen will. So wundert es mich nicht, wenn wir vereinzelt von den Afrikanern, die hier schon z.T. seit einigen Jahren studieren, gefragt werden, ob wir schon in der Innenstadt waren und wie es dort sei. Wer nicht von weißer Hauptfarbe ist, zieht ständig Blicke auf sich. Da trauen sich manche außerhalb der Unizeiten dann auch gar nicht mehr nach draußen und bleiben daheim. An abends länger rausgehen und heimkommen, wenn die Pforte um 06.00 Uhr wieder aufmacht, ist gar nicht zu denken.
Andi und ich, die beide einiges an Wohnheimserfahrung aus Stuttgart mitbringen, haben hier schon desöfteren sehr nette Abende mit unseren direkten Nachbarn aus Kenia und Kamerun oder mit den Jungs aus Nepal verbracht. Die Geschichten, die diese Leute zu erzählen haben, sind manchmal so anders, von dem was wir kennen und wirklich sehr interessant. Eine nette Abwechslung ist es auch, solche Gespräche in Englisch zu führen. Etwas wozu schätzungsweise über 95% der Russen nicht fähig ist: außer Russisch eine weitere Fremdsprache ausreichend gut zu beherrschen. Wer als Ausländer hier kein Russisch spricht, hat es schwer. Und alle zeigen sich sehr interessiert, was das Leben in Deutschland angeht. Wie lebt man da? Wie sind die Leute? Bieten sich Ausländern Möglichkeiten in Deutschland zu leben und arbeiten?
Russische Freunde und Bekannte haben wir mittlerweile auch. Andi und ich haben vor unserer Abreise Michal aus Tschechien kennengelernt. Und Michal, der zuvor sein komplettes Studium hier in Samara absolviert hat und noch viele Freunde hat, hat uns an eben diese verwiesen. Inzwischen haben sich daraus regelmäßige Kontakte ergeben. Das WM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Russland (der Anlass schlechthin) haben wir bei Vitalij geschaut. Drei Freunde waren auch noch zu Besuch. Es war ein sehr amüsanter Abend, mit dem besseren Ende für die deutsche Elf, was hier, wie könnte es anders sein, die allerwengisten gefreut hat ;) Vitalij und seine Freunde haben mir am ersten Wochenende zu später Stunde auch die Wolga und die ca. 6-
Eine ausführliche Tour durch die Innenstadt gab es am Tag darauf. Die Lehrerin des Russischkurses für Ausländer hat den Kursteilnehmern eine Stadtbesichtigung angeboten. Ich habe diesen Kurs zwar nie besucht, habe mich aber Andi, der da zweimal pro Woche fleißig Russisch paukt, angeschlossen und so konnte ich innerhalb von 12 Stunden die nächste Stadtbesichtigung erleben. Dieses Mal bei Tageslicht. Die Tour war sehr ausgedehnt und informativ. Bei Gelegenheit werde ich zu einzelnen Sehenswürdigkeiten ein paar Worte verlieren, es wäre zu viel, hier alles aufzuzählen.
Den letzten Absatz will ich den Unimensen und den Einkaufsläden widmen. Neben der Universität gibt es zwei große Einkaufszentren (торговый центр), die im Stile von amerikanischen Malls errichtet sind. Potthässlich, gefallen mir überhaupt nicht, aber was soll ich machen, irgendwo muss ich ja was einkaufen?! Im Supermarkt “Perekrjöstok” (Kreuzung; перекрёсток) kaufen wir unser täglich Brot ein. Und das tun wir buchstäblich täglich. Ohne Kühlschrank und sonstige Aufbewahrungsmittel bleibt uns aber auch wenig anderes übrig. Und nun zu den Mensen... Mensen trifft es allerdings nicht ganz. Was hier die “Stolowaja” (столовая) ist, ist keineswegs mit dem deutschen Äquivalent zu vergleichen. Die russische Stolowaja ist deutlich kleiner und verfügt in der Regel über 2 Mitarbeiterinnen. Dafür gibt es mehrere Stolowajas über den kompletten Campus verteilt. Das Essen variiert zwar selten und die Auswahl ist nicht sonderlich groß, aber es schmeckt immer super und man wird für einen Preis von 50 bis 70 Rubel pro Mittagessen pappsatt! Es wird natürlich traditionelle russische Küche serviert: Borschtsch und andere Suppen, Piroggen aller Art, russische Salate, russische Frikadellen, russisches Gebäck... mmmhh!! Wirklich gut! Nur wie man Nudeln (макароны) al dente hinbekommt, bleibt den Köchen hier ein Rätsel!
Beim nächsten Mal gibt es von dem Projekt Wohnungssuche zu berichten, das Andi kurz nach seiner Ankunft Anfang September gestartet hat und das nach meiner Ankunft intensiviert wurde... das Wohnheim sollte hoffentlich nur eine Zwischenstation sein! Außerdem bin ich noch Fotos schuldig... so viel Text aber kein Bild! Auch das werde ich versuchen nachzuholen.
Mir ist gerade noch aufgefallen, dass ich bis jetzt so gut wie gar nix über meine Studienarbeit, die ich hier schreibe, erzählt habe... das kommt auch noch! Es ist in kurzer Zeit einfach sehr viel passiert! Da komme ich einfach nicht hinter her... :(
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