Freitag, 17. Oktober 2008

02.10.2008 – Второй день; Zweiter Tag oder die Jagd nach den Unterschriften (verfasst am 17.10.2008)

Der zweite Tag steht ganz im Zeichen der Unterschriftenjagd. Auf dem Weg zum Lehrstuhl bleibt mir eine Begegung mit dem Wachmann erspart. Heute ist sein Stuhl unbesetzt und ich kann einfach durchmarschieren. Den Tag zuvor musste ich noch auf russisch erklären, wer ich bin, was ich will und zu wem ich möchte. Im 2. Stock (im russischen ist es der 2., bei uns wäre es der 1.) angekommen treffen wir uns mit Alex und Wlad, um die notwendigen Amtsgänge anzutreten. Erste Station: der Kommendant des Wohnheims Nr. 7, Ludmilla Wassiliewna. Ich musste mir das Lachen verkneifen, als ich das erste Mal gehört habe, dass die offiziell Verantwortliche des Hauses den Titel “Kommendant” trägt. Ein Hauch von Militarismus umgibt mich, und das nicht nur an dieser Stelle. Dort melde ich mich also offiziell an und fülle irgendwelche Unterlagen aus. An einer Stelle unterläuft mir beim Ausfüllen ein Fehler, was dazu führt, das ich Angaben berichtigen muss. In offiziellen Dokument wird hier nix durchgestrichen. Also nochmal von vorne. Das erregt unsere Frau Kommendant etwas, aber ich komme noch glimpflich davon. Die Tatsache, dass ich als Ausländer doch zu einem für manche Russen erstaunlichen Russisch fähig bin, scheint ihr zu gefallen. Erste Bonuspunkte für mich :))

Nachdem hier dann alles geklärt ist, gehts weiter zum Direktor des Campus (директор студенческого городка, wörtlich: Direktor des Studentendorfes). Dieser Mensch gibt sein offizielles OK bzw. veranlasst die offizielle Aufnahme in das Wohnheim und das Erstellen eines Propuskes, der Ausweis, mit dem ich das Wohnheim betreten darf. Und wieder werden Formulare ausgefüllt und Unterschriften gemalt. An dieser Stelle haben Andi und ich diesen Direktor zum “Superkommendant” getauft, um den militärischen Stil aufrechtzuerhalten. In Sachen Wohnheim geht es erst einmal nicht mehr weiter. Die Unterlagen werden bis zum nächsten Tag an die Zahlstelle weitergeleitet, wo ich dann zum Bezahlen der Miete irgendwann hin muss. Eines habe ich eingangs vergessen zu erwähnen. Computer und Computernetzwerke sind hier nicht im Einsatz. Jedes Formular muss eigenhändig von A nach B getragen werden.

Nächste Station: International Department (международный отдел). Da mein Auftenthalt hier in Mütterchen Russland über den bislang bewilligten Visumszeitraum hinausgeht, wird die Verlängerung jetzt schon beantragt. Und so muss ich mein einziges Dokument, das meine Identität nachweist, für längere Zeit abgeben. Als Erstatz bekomme ich eine gestempelte Kopie meines Reisepasses mit dem guten Rat, mir ja nix erzählen zu lassen, wenn ein Polizist diesen Ausweis nicht anerkennen will und sich für ein Darüberhinwegsehen bezahlen lassen will. Hmm.. OK!

Wo ich sonst noch überall war, kann ich in der richtigen Reihenfolge gar nicht mehr wiedergeben. Im Verlaufe der nächsten Tage werde ich – das sei hier vorweggenommen – noch eine Bank aufsuchen müssen, mehrmals bei der Campuswachstation vorbeigehen, der Buchhaltung des Wohnheims wiederholt einen Besuch abstatten und noch einmal beim Superkommendant vorstellig werden, weil manche Damen der Buchhaltung in ihren Papieren auch einmal den Überblick verlieren können. Am Ende der Woche bin ich stolzer Besitzer eines Propuskes für das Wohnheim und am Montag darf ich auch offiziell in alle Gebäude der Uni hineinspazieren. Was für ein Aufwand!! Und bis hierher bin ich wahrscheinlich auch 6 Passfotos losgeworden. Endlich werde ich alle über die letzten Jahre gesammelten Bildchen los.

Schließen möchte ich an der Stelle mit meinem Eindruck, den ich von dem Durchschnittsrussen in verantwortlicher Position bekommen habe. In der gesamten bürokratischen Maschinerie ist sich jedes Stellrädchen seiner Bedeutung bewusst und spielt mit seiner Position, d.h. demonstriert durch seine Haltung, wer wem Respekt zu zollen hat. Freundlichkeit, von einem Lächeln ganz zu schweigen, wird man an keiner Stelle antreffen. Jeder, der eine Position in diesem Apparat inne hat (das reicht von der einfachen Sachbearbeiterin bis hin zum Abteilungsdirektor), stellt seine Macht zur Schau. Da wird man ohne Grund vor der Tür stehen gelassen, obwohl im Inneren des Raumes nichts geschieht. Man wird angeschnauzt, als ob man selbst für den Kram, der in den Formularen steht, verantwortlich ist. Dabei ist man nur der Kurier der Dokumente. In der Bank, in der ich beispielsweise für meine Visumsverlängerung bezahlt habe, mussten Aleksandr und ich uns von zwei Damen am Schalter anbrüllen lassen, weil in meinem Ausweis kein Vatersname steht und das Computerprogramm (ja, die Bank arbeitet immerhin mit Computern!!), das meine Zahlung verarbeitet, diese Angaben unbedingt braucht. Ist das meine Schuld, dass deutsche Dokumente russische Vatersnamen nicht berücksichtigen? Und lässt sich das Problem lösen, indem man lautstark durch einen Glasscheibe dem Kunden Dinge an den Kopf wirft? Zweifel seien angebracht! Naja, das Problem ließ sich schließlich doch beheben und ich konnte meine 400 Rubel (aktueller Kurs: 1 € = 35.80 Rubel), die meine Visumsverlängerung gekostet hat, los werden.

In diesem und wahrscheinlich in den nächsten Einträgen wird die Chronologie leider komplett aufgeweicht sein. Es sind ca. 2 Wochen her, seitdem ich die ersten Einträge verfasst habe, und zum jetztigen Zeitpunkt einfach nicht mehr weiss, was wann passiert ist. Aber ich immerhin kann ich euch mitteilen, was passiert ist.

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